Funktionen und Mitgliedschaften
Biografie
Charlotte Glas wuchs in einer Arbeiterfamilie mit sechs Geschwistern auf. Der Vater war Schneider und sie selbst Näherin in einer Textilfabrik. Schon in jungen Jahren kam sie mit der Sozialdemokratie in Kontakt.
1893 forderte Lotte Glas, gerade zwanzigjährig, in ihrer Rede auf einer sozialdemokratischen Frauenwahlrechtsversammlung in der Penzinger Au in Wien das aktive und passive Wahlrecht für alle StaatsbürgerInnen ohne Unterschied des Geschlechts. Aufgrund dieser Rede stand sie 1894 vor Gericht wegen Beleidigung der kaiserlichen Familie. In späteren Verfahren wurde sie auch zu Gefängnisstrafen verurteilt, eine permanente Gefahr für politisch tätige Frauen. Ab 1893 schrieb sie regelmäßig für die "Arbeiterinnen-Zeitung", in der die Frauenwahlrechtsbewegung eines ihrer Themen war.
Gemeinsam mit Adelheid Popp, Anna Altmann und Anna Boschek gehörte sie zu den wichtigsten frühen Agitatorinnen, die sich in der Sozialdemokratie für die Rechte und eine Organisierung der Frauen engagierten. Sie alle waren gefragte Rednerinnen und reisten schon vor 1900 durch die Provinz, um Mitglieder für die Sozialdemokratie und Abonnentinnen für die "Arbeiterinnen-Zeitung" zu gewinnen. Sie alle versuchten Bildung nachzuholen, u.a. im Lese- und Diskutierklub Libertas. Charlotte Glas wird, trotz ihrer geringen Schulbildung, als rhetorisch gewandt beschrieben.
1898 war sie Mitorganisatorin der ersten Frauenreichskonferenz in Wien, die ohne Absprache mit Parteigremien stattfand und auf der sich das Frauenreichskomitee konstituierte. Auf der Frauenreichskonferenz 1903 war sie unter den Frauen, die sich für eine Bevorzugung des Kampfes um das Allgemeine Männerwahlrecht, vor dem um das Frauenwahlrecht, aussprachen. Sie und viele der führenden Sozialdemokratinnen akzeptierten nach 1900 im Einklang mit der Parteilinie die Unterordnung des Frauenwahlrechts.
Im Gegensatz zu Adelheid Popp verlor Charlotte Glas im Weiteren an Bedeutung in der sozialdemokratischen Frauenbewegung und geriet schließlich in Vergessenheit. Ein Grund, so Siegfried Mattl, mag gewesen sein, dass die Sozialdemokratie starke Vorbehalte gegenüber jüdischen Personen in Führungspositionen hegte.
Arthur Schnitzler, der Charlotte Glas im Frühjahr 1894 kennenlernte, griff dieses Dilemmata Frau, Jüdin und Sozialistin im Roman „Der Weg ins Freie“ in der Figur der Therese Golowski auf. Der Kontakt zu Schnitzler entstand im Umfeld des Café Griensteidl, einem Treffpunkt der sozialdemokratischen Literaturszene. Hier lernte Charlotte Glas auch Felix Salten kennen, mit dem sie zwischen 1983 und 1896 liiert war.
1900 heiratete sie den sozialistischen Publizisten und späteren Diplomaten Otto Pohl. Sie hatten eine gemeinsame Tochter. Nach der Trennung von ihrem Mann arbeitete sie in den 1920er Jahren als Sekretärin der internationalen Gewerkschaftsorganisation.
verwendete Literatur und Quellen:
Die Arbeiterinnen-Versammlung unter freiem Himmel - In: Arbeiterinnen-Zeitung, 2 (1893), Nr. 19, 6-7
Hauch: Frauen bewegen Politik
Mattl: Between Socialism and Feminism. - In: Religions, 7 (2016), Nr. 8
Pohl: Allerlei von "damals" ... - In: Gedenkbuch 20 Jahre österreichische Arbeiterinnenbewegung, 75-81
Lexikoneinträge
biografiA
Pohl-Glas Lotte, geb. Glas; Frauenrechtsaktivistin
Geb. 17. 1. 1873
Gest. ?
Laufbahn: 1898 Gründungsmitglied des Frauenreichskomitees der SDAPÖ, welches ein beratendes, richtungs- und zielgebendes Organ für die Zwecke der Arbeiterinnenbewegung sein sollte.
W.: „Die Fortschritte der Arbeiterinnenbewegung in Österreich. In: Dokumente der Frauen, Bd. 3, Nr. 2, 1900“, „Wirtschaftgemeinschaften. In: Dokumente der Frauen, Bd. 5, Nr. 1, 1901“, „Pariser Frauenarbeit in der Kriegszeit. In: Arbeiterinnen-Zeitung vom 15. 12. 1914“, „Zu Victor Adler kommen. In: Victor Adler im Spiegel seiner Zeitgenossen“ (1969)
Ausgewählte Publikationen
Quellen und Sekundärliteratur
Material in Archiven und Sammlungen
- Pressestimmen - In: WBR/TBA, Dokumentation, TP-039419 ; TP-039261