Anitta Müller-Cohen

Namen und Abkürzungen
Cohen, Anita
Cohen, Anitta (Ehename)
Müller, Anita
Müller, Anitta (Ehename)
Rosenzweig, Anitta (Geburtsname)
Geburtsjahr
6.06.1890, Wien
Todesjahr
29.06.1962, Tel Aviv (Israel)
Berufe und Tätigkeiten
Sozialarbeiterin, Journalistin, Vereinsfunktionärin, Funktionärin der Jüdischnationalen Partei

Funktionen und Mitgliedschaften

Biografie

Anitta Müller-Cohen wurde im Jahre 1890 in Wien geboren, studierte an der Universität Wien Lehramt und widmete sich der Sozialarbeit. Da sie wohlsituierte Eltern hatte, konnte sie es sich leisten, ihre Nächstenhilfe freiwillig und unentgeltlich zu leisten. Als Zwanzigjährige besuchte sie 1910 zum ersten Male Palästina und im Ersten Weltkrieg organisierte sie ein großes österreichisches Flüchtlingshilfswerk, indem sie - damals fünfundzwanzig Jahre alt - vor allem für unterernährte Kinder, die Umschulung und Berufsausbildung Jugendlicher und für die Beschaffung von Kleidung und Beschäftigung von Flüchtlingen Sorge trug.
Im Jahre 1920 nahm sie an der Weltkonferenz der jüdischen Sozialverbände teil, auf der sie zur Vorsitzenden gewählt wurde. Sie leitete die Arbeit des Joint Distribution Commitee in Österreich, sorgte mütterlich für ukrainische Pogromwaisen und organisierte 1925 die jüdische Sozialarbeit in den USA. Als Neunundzwanzigjährige wurde sie in den Wiener Stadtrat gewählt, wo sie besonders für die Verbesserung der Sozialgesetzgebung und die Institutionalisierung der Wohlfahrtsarbeit eintrat. Um die Aufnahme einer noch nicht voll Dreißigjährigen in den Stadtrat zu ermöglichen, nahm man für Anitta Müller eine Gesetzesänderung vor. Für ihre Verdienste und Leistungen in der Wohlfahrtsarbeit wurde sie von Kaiser Karl mit einem Orden ausgezeichnet. In der Notzeit nach dem verlorenen Kriege organisierte sie Erholungsheime, Volks- und Mittelstandsküchen, Tee- und Wärmstuben für den kalten Winter, Heime und Lehrwerkstätten für mehr als tausend Waisenmädchen und dergleichen mehr. Für zwölftausend unterernährte und kränkliche Kinder schuf und leitete sie das "Kaiser-Karl-Hilfswerk", das bedürftige Kinder zur Erholung in der Schweiz, nach Dänemark, Schweden, Italien, Deutschland, in die Tschechoslowakei und nach Jugoslawien schickte.
Nach einigen Besuchen in Erez Israel übersiedelte sie 1934 nach Tel Aviv, wurde Vorsitzende des Misrachi-Frauenverbandes im Lande, reorganisierte und leitete den österreichischen Einwandererverband Hitachdut Olej Austria, der ''illegalen'' Einwanderern ohne Unterschied des Herkunftslandes, der Parteizugehörigkeit und der Ideologie umfangreiche erste Hilfe leistete. Hierzu gehörte eine breitgefächerte Sozial- und Kulturarbeit wie Hebräischunterricht, die Abhaltung von Informationsseminaren in Landeskunde und Judaica, die Verabreichung von Gratismahlzeiten in einer eigens hierfür geschaffenen Mittelstandsküche und ein Arbeitsvermittlungsdienst.
Anitta Müller war auch Mitgründerin des Sozialen Frauendienstes und Mitorganisatorin des Hilfsamtes des Waad Le''umi (der Organisation der jüdischen Landesbevölkerung), half bei der Jugendalijah und einigen anderen Institutionen. Jede Not und jeder Mangel, unter dem ihre Mitmenschen litten, spornte ihre segensreiche Initiative an. Es war ihrer Tatkraft, ihrem Prestige und ihrem Organisationstalent zu verdanken, daß es ihr im Jahre 1950 gelang, die Gebeine des von ihr hochgeachteten Oberrabbiners Zwi Perez Chajes aus Wien nach Israel zu überführen und im Heiligen Land zur letzten Ruhe zu bestatten.
Als der Verband der Einwanderer aus Mitteleuropa, Irgun Olej Merkas Europa, sein Elternheim für Einwanderer aus Österreich im Jahre 1966 einweihte, gab er ihm den Namen ''Bet Anitta Müller-Cohen''.

Hecht: Bürgerlich-jüdische Frauen in Wien während des Ersten Weltkrieges. - In: Zions Töchter, 315-329
Hecht: Nischen und Chancen - jüdische Journalistinnen in der österreichischen Tagespresse vor 1938. - In: Medien & Zeit 18 (2003) 2, 31-39
Hecht: Zu Besuch bei Frau Müller und Frau Cohen. - In: Gedenkdienst 9 (2006) 1

Nikola Staritz

Lexikon

biografiA

Müller-Cohen Anita, Anitta, geb. Rosenzweig; Fürsorgerin, Schriftstellerin und Frauenrechtsaktivistin
Geb. Wien, 6. 6. 1890
Gest. Tel Aviv, Israel, 28. 6. 1962
Herkunft, Verwandtschaften: Vater: Salomon Rosenzweig, Kaufmann; Mutter: Sofie Rosenzweig. Wuchs in einem wohlhabenden, bürgerlich assimilierten jüdischen Elternhaus in Wien auf.
LebenspartnerInnen, Kinder: 1909 Heirat mit Arnold Müller, mehrere Kinder, u. a. Ruth; Tochter Blanka (* 1911) wurde bei arabisch-jüdischen Unruhen ermordet.
Ausbildungen: Studierte am Wiener Lehrerseminar.
Laufbahn: 1914 –1918 Sozialarbeit für jüdische Kriegsopfer in Galizien und der Bukowina, Gründerin von Entbindungs- und Kindertagesheimen, Kinderkrankenhäusern und Altersheimen; Dezember 1918 bis Mai 1919 Mitglied des Provisorischen Gemeinderates in Wien als Kandidatin der freiheitlich-bürgerlichen Wählerliste; 1918 –1920 Leiterin des österreichischen „Unterstützungsausschusses für Kriegsheimkehrer“; Einrichtung von Milchausgabestellen für unterernährte Kinder in Österreich, Leiterin der Vermittlungsstelle für ostjüdische Waisenkinder an jüdische Familien in Westeuropa, 1920 Förderung der Adoption osteuropäischer Waisenkinder in Nord- und Südamerika; ab 1924 geschäftsführende Leiterin des Keren Hajessod in Wien; 1925 Eröffnung des „Jewish Congress“ in Chicago, einige Monate als Sozialarbeiterin tätig. Angeregt durch die Einrichtung des Jewish Centre in den USA, gründete sie 1926 ein jüdisches Zentrum in Wien, das ein Jugendheim und Lesehallen umschloss. 1926/27 lebte sie in Palästina, wo sie ebenfalls zahlreiche Einrichtungen gründete, ebenso gehen die ersten Gärten im Armenviertel von Tel Aviv auf ihre Initiative zurück. Wieder in Europa unternahm sie Propagandareisen für die zionistischen Fonds Keren Hajessod und Keren Kajemet. In den 1930er Jahren gehörte sie dem Gründungskommitee des World Jewish Congress an, 1936 ging sie nach Palästina, bis 1939 versorgte sie die während der jüdisch-arabischen Unruhen nach Tel Aviv geflohene jüdische Bevölkerung. Sie gründete den Sozialen Frauendienst und arbeitete für das Wohlfahrtsamt des Vaad Leumi. Nach dem „Anschluss“ Österreichs reorganisierte sie die HOA und wurde deren Vorsitzende, sie setzte sich außerdem im Rahmen der Jugendalijah für orthodoxe Kinder ein. 1950 initiierte sie die Überführung der Gebeine des Wiener Oberrabbiners Zwi Perez Chajes.
Ausz., Mitglsch.: Auszeichnung von Kaiser Karl für ihre Tätigkeit in der Flüchtlingshilfe, Mitglied der Heruth, Vorstandsmitglied des AÖF.
W.: Artikel im „Neuen Wiener Journal“, „Neue Welt und Judenstaat“ und für die „Wiener Morgenzeitung“. „10 Jahre Arbeit“ (1924), „Mein Beistand für die Flüchtlinge. In: Neues Frauenleben, April 1915“

Publikationen

Frauenrecht und Frauenarbeit / Red. Leitung: Anitta Müller - Wien: Jüd. Zeit.- u. Verl.ges.m.b.H., 1919-1927
ÖNB 533143-D.Neu-Per
Frauenrecht und Frauenarbeit / Red. Leitung: Anitta Müller - Wien: Jüd. Zeit.- u. Verl.ges.m.b.H., 1919-1927
ÖNB 533143-D.Neu-Per
Müller, Anitta: Ein Jahr Flüchtlingsfürsorge der Anitta Müller / mit einem Geleitw. von Marco Brociner - Wien: Rollinger, 1915
ÖNB 514389-B.Neu
Müller, Anitta: Mein Beistand für die Flüchtlinge - In: Neues Frauenleben / hrsg. von Auguste Fickert; ab 1911: Hrsg.: Leopoldine Kulka, Christine Touaillon, Emil Fickert , Nr. 4 , 1915 , 8-10
Online Zugriff / ÖNB 422673-B.Neu-Per
Müller-Cohen, Anitta: Das große Schweigen - In: Menorah / Hrsg. Norbert Hoffmann , Nr. 5 , 1923 , 17-18
Online Zugriff / ÖNB 600358-B-C.Neu-Per
Müller-Cohen, Anitta: Jüdische Frauenarbeit in den Nachfolgestaaten - In: Menorah / Hrsg. Norbert Hoffmann , Nr. 6 , 1923 , 16
Online Zugriff / ÖNB 600358-B-C.Neu-Per
Müller-Cohen, Anitta: The Return of Jewish Woman to Judaism - In: Menorah / Hrsg. Norbert Hoffmann , Nr. 1 , 1923 , 14
Online Zugriff / ÖNB 600358-B-C.Neu-Per
Müller-Cohen, Anitta: Eine Musterschule in Palästina - In: Menorah / Hrsg. Norbert Hoffmann , Nr. 2 , 1924 , 16-18
Online Zugriff / ÖNB 600358-B-C.Neu-Per

Quellen und Sekundärliteratur

Mayr, Barbara : Verfemt, verfolgt, vergessen - In: sic! / Ursula Kubes-Hofmann , Nr. 57 , 2006 , 28-29
ÖNB 1445791-C.Neu-Per
Hecht, Dieter : Nischen und Chancen - jüdische Journalistinnen in der österreichischen Tagespresse vor 1938 - In: Medien & Zeit / Hrsg. Verein "Arbeitskreis für Historische Kommunikationsforschung (AHK)" , Nr. 2 , 2003 , 31-39
Online Zugriff / ÖNB 1254224-C.Neu-Per
Hecht, Dieter : Zionistische Frauenorganisationen in Österreich 1918 - 1938 - In: Transversal / CJS, Centrum für Jüdische Studien der Karl-Franzens-Universität Graz , Nr. 1 , 2003 , 83-102
ÖNB 1633104-C.Neu-Per
R. U. : Die Kunst der Nadel - In: Neues Frauenleben / hrsg. von Auguste Fickert; ab 1911: Hrsg.: Leopoldine Kulka, Christine Touaillon, Emil Fickert , Nr. 12 , 1916 , 262-263
Online Zugriff / ÖNB 422673-B.Neu-Per
Hecht, Dieter : Frauen in der jüdischnationalen Partei - In: Chilufim / Hrsg. Zentrum für Jüdische Kulturgeschichte , Nr. 7 , 2009 , 137-152
Online Zugriff / ÖNB 1824718-B.Neu-Per
Vereinsvorstand 1917 - In: Neues Frauenleben / hrsg. von Auguste Fickert; ab 1911: Hrsg.: Leopoldine Kulka, Christine Touaillon, Emil Fickert , Nr. 4-5 , 1918 , 92
Online Zugriff / ÖNB 422673-B.Neu-Per
Raggam-Blesch, Michaela : Der "fehlende Ort" : frauenbewegte Jüdinnen zwischen Antisemitismus und Antifeminismus im Wien der Jahrhundertwende - In: Ariadne / Archiv der Deutschen Frauenbewegung , Nr. 43 , 2003 , 14-21
Online Zugriff / ÖNB 1428420-C.Neu-Per
Die Frauenbewegung in Deutschösterreich : mit drei photographischen Aufnahmen - In: Wiener Bilder , Nr. 6 , 9. Februar 1919 , 7
Online Zugriff / ÖNB 399908-D.Neu-Per
Hecht, Dieter : Zu Besuch bei Frau Müller und Frau Cohen - In: Gedenkdienst / Gedenkdienst - Verein zur Leistung eines Gedenkdienstes an Holocaust-Gedenkstätten , Nr. 1 , 2006
Online Zugriff / ÖNB 1622645-D.Neu-Per

Material in Archiven und Sammlungen

  • Briefwechsel mit Anita Müller-Cohen - In: CZA, Nachlass Stephen Samuel Wise, A243a

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