Else Jerusalem

Namen und Abkürzungen
Jerusalem-Kotányi, Else
Kotányi, Else (Geburtsname)
Widakowich, Else (Ehename)
Geburtsjahr
23.11.1876, Wien
Todesjahr
20.01.1943, Buenos Aires
Berufe und Tätigkeiten
Schriftstellerin

Biografie

Else Jerusalem wird am 23. November 1876 in Wien geboren. Sie stammt aus bürgerlich-jüdischer Familie ungarischer Herkunft, genießt eine höhere Bildung und gehört zu den ersten außerordentlichen Hörerinnen der Philosophischen Fakultät der Universität Wien. 1901 heiratet sie in erster Ehe den Fabrikanten und Psychologen Alfred Jerusalem, mit dem sie zwei Kinder - Edith und Fritz Albert - hat. Nach der Scheidung geht sie 1910 eine zweite Ehe mit Viktor Widakowich, einem Professor für Embryologie, ein.

Bereits in jungen Jahren widmet sie sich dem brisanten Thema der weiblichen Sexualität in ihren Schriften „Venus am Kreuz“ und „Komödie der Sinne“. Die 1902 erscheinende Broschüre „Gebt uns die Wahrheit“ beschäftigt sich mit der Vorbereitung junger Mädchen auf die Ehe, wobei Jerusalem vehement für sexuelle Aufklärung eintritt. Als eine der wenigen Intellektuellen setzt sie sich auch sehr kritisch mit dem antifeministischen Werk Otto Weiningers "Geschlecht und Charakter" auseinander. Sie gilt als feministische Vordenkerin und Philosophin.

1909 erscheint ihr fast 700 Seiten starker Bestseller-Roman "Der heilige Skarabäus“. Sein Inhalt ist für eine Schriftstellerin der Jahrhundertwende skandalös und ein Tabubruch: er handelt im Bordell-Milieu. Das Buch hatte dennoch durchschlagenden Erfolg und verkauft sich insgesamt über 40.000 Mal, davon die Hälfte allein im ersten Jahr nach dem Erscheinen. Im sozialdemokratischen Umfeld wird der Roman positiv aufgenommen, trotzdem sieht sich die Autorin zunehmender Kritik und Polemik ausgesetzt. Es ist anzunehmen, dass dies auch ein Grund für ihre Emigration 1912 nach Argentinien ist. 1928 wird es unter dem Titel "Im Haus zur roten Laterne" als Stummfilm in Berlin uraufgeführt.

In Argentinien betreibt Else Jerusalem ethnologische Studien und 1928/29 erscheint das Schauspiel "Steinigung in Sakya", das in Erfurt aufgeführt wird. 1939 erschien Jerusalems bis heute wenig beachtetes philosophisches Hauptwerk "Die Dreieinigkeit der menschlichen Grundkräfte".

Gürtler, Schmid-Bortenschlager: Eigensinn und Widerstand
Jušek: Ein Wiener Bordellroman. - In: "Das Weib existiert nicht für sich", 139-147
Stupnicki: Else Jerusalem: Identität-Schrift. - In: Mehr als nur Lebensgeschichten, 298-306

Christa Bittermann-Wille

Lexikon

Lexikon der Frau

Jerusalem, Else, geb. Kotányi (in zweiter Ehe: Else Widakowich), österr. Vortragskünstlerin u. Erzählerin, *Wien 23.11.1877. Lebte später in Buenos Aires. Erregte Aufsehen durch die herausfordernd offene Darstellung heikler Themen.

biografiA

Jerusalem Else, geb. Jerusalem-Kotányi, verh. Widakowich; Schriftstellerin und Dramatikerin
Geb. Wien, 23. 11. 1877
Gest. Buenos Aires, Argentinien, vermutlich 1942
Herkunft, Verwandtschaften: Stammte aus einer gutbürgerlichen Familie ungarischer Herkunft.
Vater: Max Kotányi, Weinhändler; Mutter: Henriette, geb. Deutsch.
LebenspartnerInnen, Kinder: 1901 Heirat mit Alfred Jerusalem, Fabrikant und Psychologe; zwei Kinder: Edith und Fritz Albert, gesch. Alfred Jerusalem nahm nach der Trennung den Namen Jensen an, die Kinder blieben bei ihm; 2. Ehe um 1910 mit Viktor Widakowich, Professor an der Universität zu Buenos Aires.
Ausbildungen: E. K. absolvierte die Bürgerschule und Fortbildungskurse, ab 1893 Hospitantin an der Universität Wien (Philosophie, Literaturwissenschaft).
Laufbahn: Als Vortragskünstlerin und Schriftstellerin tätig. Ging mit ihrem zweiten Ehemann nach Angaben diverser Lexika 1929 nach Buenos Aires, Argentinien, dürfte jedoch bereits deutlich früher ausgewandert sein (siehe Zolles). Mit ihren emanzipatorischen Werken zu Prostitution und Sexualerziehung erregte sie großes Aufsehen. E. J. trat vor dem Ersten Weltkrieg engagiert gegen die Reglementierung der Prostitution, gegen die gesellschaftliche Doppelmoral und für eine radikale Änderung der Geschlechterbeziehungen ein. Die Positionen, die sie in ihren agitatorischen Vorträgen wie auch v. a. in ihrem Prostituierten-Roman „Der heilige Skarabäus“ vertrat, wurden in den einzelnen Gruppierungen der Frauenbewegung und in deren Medien heftig diskutiert. „Der heilige Skarabäus“, der innerhalb weniger Jahre mehr als zwei Dutzend Auflagen erlebte, war das umfangreichste und am meisten diskutierte Werk zur Prostitutionsthematik. Die zeitgenössischen Reaktionen sind überwiegend enthusiastisch. In den 1930er Jahren publizierte E. J. religionsphilosophische Werke.
W.: „Venus am Kreuz. Novellen“ (1899), „Gebt uns die Wahrheit! Ein Beitrag zu unserer Erziehung zur Ehe“ (1902), „Komödie der Sinne“ (1902), „Der heilige Skarabäus. Roman“ (1909), „Die Angst der Geschlechter“ (1910), „Steinigung in Sakya. Ein Schauspiel in 3 Akten“ (1928), „Die Dreieinigkeit der menschlichen Grundkräfte“ (1939)

Deutsch-österreichisches Künstler- und Schriftstellerlexikon

KOTÁNYI Elsa, IX. Eisengasse 28, geb. Wien, 23. Nov. 1877, absolvirte die Bürgerschule und Fortbildungscurse, war vier Jahre ausserordentl. Hörerin der Wiener philosophischen Facultät, verfasste: "Venus am Kreuz", Novellen; "Komödien der Sinne", Novellen; "Gebt uns die Wahrheit", Broschüre über Mädchenerziehung und Eheschliessung.

Gürtler, Schmid-Bortenschlager: Eigensinn und Widerstand

Else Jerusalem (geb. Kotányi, verh. Widakowitsch), geboren 1877 in Wien, gestorben vermutlich 1942 in Buenos Aires; studierte als Gasthörerin an der Universität Wien Literatur und Philosophie, Beginn der schriftstellerischen Tätigkeit, Heirat mit dem Fabrikanten Alfred Jerusalem, nach der Scheidung ging sie mit ihrem zweiten Mann, Prof. Viktor Widakowitsch nach Buenos Aires; großer Erfolg mit dem Roman über ein Bordell "Der heilige Skarabäus" (1909).

Publikationen

Jerusalem-Kotányi, Else: Gebt uns die Wahrheit! : ein Beitrag zu unsrer Erziehung zur Ehe / - Leipzig: Seemann, 1902
Online Zugriff / ÖNB 1681567-B.Neu
Jerusalem, Else: Der heilige Skarabäus : Roman / - Berlin: Fischer, 1909 [u.a.]
Online Zugriff / ÖNB 779433-B.Neu
Jerusalem, Else: Die Dreieinigkeit der menschlichen Grundkräfte / - Zürich: Verl. Die Gestaltung , 1939
ÖNB 598531-B.Neu
Jerusalem, Else: Steinigung in Sakya : ein Schauspiel in 3 Akten / - Berlin: Reiss, 1928
ÖNB 572576-B.Neu
Jerusalem-Kotányi, Else: Gebt uns die Wahrheit! [Auszüge] - In: Mehr oder Weininger : eine Textoffensive aus Österreich, Ungarn / Amália Kerekes ... (Hg.) - Wien: Braumüller, 2005 , 275-280
ÖNB 1780681-B.Neu

Quellen und Sekundärliteratur

Hofmann-Weinberger, Helga : Erstklassige Schriftstellerinnen zweiter Güte? : literarische Bestseller österreichischer Autorinnen vom 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg - In: Biblos / hrsg. von der Österreichischen Nationalbibliothek , Nr. 1 , 2005 , 19-39
Online Zugriff / ÖNB 2017623-B.Neu-Per
Spreitzer, Brigitte : "Ich bin ja nur ein Stück Weiberfleisch ..." : die Auslöschung der "Kleinigkeit Ich" bei Else Kotanyi-Jerusalem - In: Texturen : die österreichische Moderne der Frauen - Wien: Passagen-Verl., 1999 , 84-87
ÖNB 1594393-C.Neu
Kulka, Leopoldine : Noch einmal "Der heilige Skarabäus" [Rezension] - In: Neues Frauenleben / hrsg. von Auguste Fickert; ab 1911: Hrsg.: Leopoldine Kulka, Christine Touaillon, Emil Fickert , Nr. 8 , 1909
Online Zugriff / ÖNB 422673-B.Neu-Per
Engel, Georg : Der heilige Skarabäus, Roman von Else Jerusalem [Rezension] - In: Mutterschutz / Publikations-Organ des Bundes für Mutterschutz , Nr. 6 , 1909 , 473-476
ÖNB 502726-B.Neu
Touaillon, Christine : Der heilige Skarabäus : Roman von Else Jerusalem [Rezension] - In: Neues Frauenleben / hrsg. von Auguste Fickert; ab 1911: Hrsg.: Leopoldine Kulka, Christine Touaillon, Emil Fickert , Nr. 7 , 1909 , 186-188
Online Zugriff / ÖNB 422673-B.Neu-Per
Polt-Heinzl, Evelyne : Als Kind im Bordell : Else Jerusalems Bordellroman ... - In: Die Presse , 24.Juni 2017 , Seite VI

Material in Archiven und Sammlungen

  • Briefe von Else Jerusalem an Franz Servaes - In: ÖNB/HAN, Teilnachlass Franz Servaes Autogr. 1253/3(1-17)

Links